Ich sehe was, was du nicht siehst

Rainer Schmidt, evangelischer Pfarrer, Kabarettist und ehemaliger Leistungssportler ist vergangene Woche vor 160 Zuhörern in der Neuen Aula des Bischof Sproll Bildungszentrums gegen klischeehafte Bilder in den Köpfen zu Felde gezogen. Vor 54 Jahren erblickte der kleine Rainer in einem 450 Seelen Dorf im Bergischen Land das Licht der Welt. Der Schock für seine damalige Umgebung: er hatte keine Unterarme und einen verkürzten Oberschenkel. In seinem Vortrag erzählt er als der „unbetroffenste Betroffene“ mit viel Humor, auch schwarzem, seinen Weg in ein glückliches Leben, in dem Differenz als Gewinn und Bereicherung erscheinen: „Danke lieber Gott, dass ich nicht so langweilig aussehe wie mein Publikum. „Du musst die Sachen selbst in die Hand nehmen“ so sein selbstironisches Motto sich durch Widrigkeiten, die auftauchen, vom Fingerfood Buffet bis zur Sprossenwand, nicht entmutigen zu lassen. Neben den vielen Lachern, mit denen Schmidt sein Publikum löst und für sich gewinnt, streut er immer wieder anrührende biographische Begebenheiten ein .Da ist seine geliebte „Ommma“ („Handwerker wird der nicht“), die gleichzeitig links melken und rechts Streuselkuchen backen kann oder der Gymnasialdirektor der nachfrägt: „Was müssen wir tun, dass du hier zur Schule gehen kannst.“ An dieser Stelle ruft Schmidt zu mehr Mut bei der Inklusion in Schule und Gesellschaft auf. Zieldifferenziertes Lernen, individuelle Leistungsnormen und vor allem Herzens- und Gedankenbildung sind für ihn Anliegen und Ziele einer Schulentwicklung die allen ihren Schülern das Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. Eine Geschichte des mehrfachen Welt-und Europameisters, Medaillengewinners bei den Paralympics, erfuhr der sportbegeisterte junge Rainer bei seinem ersten Tischtennisverein. Nach einem Monat wurde ihm im Kreis seiner Spielkameraden das Vereinstrikot angezogen, ein unvergessliches Erlebnis und Ausweis nun dazuzugehören. Solche Gesten stärken und machen glücklich. Erfolgserlebnisse und Bindungserlebnisse führen zu Motivation bei allen Menschen ob mit oder ohne Handicap. Dem Referenten, Buchautor, Coach und Fortbildner Reiner Schmidt ist dabei klar, dass er bei seinen Mitmenschen oft Unsicherheiten und bemühte Reaktionen hervorruft. Mit Humor und Forschheit stellt er die festgefahrenen Bilder in den Köpfen der Mitmenschen in Frage, weil niemand diesen Bildern entspricht. Als Christ und Pfarrer schöpft er seinen Optimismus und seine Lebensfreude auch aus der Gewissheit seiner Gotteskindschaft. „Gott steht auf der Seite der Kleinen und Benachteiligten“, zeigt sich Schmidt überzeugt. Nach über zwei Stunden entlässt der eloquente Redner und Bilderstürmer eine nachdenkliche und frohgemute Zuhörerschar in eine Welt in der „jeder Mensch als Bereicherung und nicht als Schaden“ (s. Rainer Schmidt: „Lieber Arm ab als arm dran“) betrachtet werden sollte.
Text: Markus Holzschuh  Fotos: Inge Veil-Köberle

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